Jedes Kind will lernen

Viele Kinder sind in Hunderten Schulstunden unterfordert. So auch der Sohn von Xaver Heer. Der studierte Biologe und ausgebildete Primar- und Gymnasiallehrer musste feststellen, dass es für hochbegabte Kinder wie seinen Jungen keine massgeschneiderten Schulangebote gab, aber sehr wohl eine Nachfrage. Deshalb lancierte er 1998 in der Stadt Zürich ein schweizweit einmaliges Pilotprojekt: Unter dem Titel «Talenta» wurden neun hochbegabte Kinder zwischen sieben und zehn Jahren in einer eigenen Klasse unterrichtet. Solche Institutionen liegen, wie alle Privatschulen, quer in der Bildungslandschaft und werden vom Beamtenstab der öffentlichen Schulen nicht als Ergänzung, sondern als Konkurrenz betrachtet. Auch bei der Talenta war der Gegenwind enorm – und ist es geblieben.

Dass Hochbegabte unter sich sein sollen, ist aus pädagogischen Überlegungen fragwürdig. Die Zuweisung zu solchen Institutionen entspricht nicht der gewünschten Inklusion, sondern einer Exklusion. Effiziente Begabungsförderung sieht anders aus. Sie separiert niemanden, auch nicht die Hochbegabten.

Auf Unterforderung folgt Minimalismus

Doch auch in öffentlichen Schulen werden Fehler gemacht. In den Volksschulen werden häufig veraltete Unterrichtsmethoden angewendet, die gleichaltrige Schüler dazu zwingen, gleichzeitig die gleichen Aufgaben zu lösen. Das missfällt allen, auch den begabten Schülern! Sie langweilen sich und fühlen sich unterfordert. Und die häufigste Folge von Unterforderung ist Minimalismus. Schnell lernende Kinder sind irgendwann nicht mehr bereit, den Mitschülern andauernd zu zeigen, wie begabt sie sind. Mit der Zeit machen sie nicht mehr mit beim mündlichen Unterricht. Bevor sie eine Arbeit abgeben, warten sie, bis die Mitschüler fertig sind. Sie weigern sich, ihre Aufsätze vor der Klasse vorzulesen. Sie wollen nicht, dass die anderen sehen können, wie flink und mit wie wenig Fehlern sie arbeiten, sonst bekommen sie auf dem Pausenplatz bald einmal den Neid der anderen zu spüren. Und wer will schon ein Streber sein und in Kauf nehmen, dass er gemobbt wird?

Dasselbe Drama spielt sich ab, wenn Lehrpersonen Aufgaben verteilen, die innerhalb von einer Woche gelöst werden müssen. Da sitzen dann vier Kinder an einem Tisch und arbeiten. Schnell wird klar, wer wie viel beziehungsweise wie wenig Zeit braucht, um das Wochenpensum abzuarbeiten. Die Folge eines solchen Unterrichts, der nach wie vor als «modern» gilt: frustrierte, demotivierte Kinder und hilflose Eltern, die laut oder im Stillen das Schulsystem beklagen und kritisieren.

Woher kommt die Schulmüdigkeit?

Zu viele Schüler verschwenden zu viel Energie auf Gedanken rund um Themen wie Selektion und Mobbing. Sie können sich nicht mehr auf den Schulstoff fokussieren. Dies beeinträchtigt die Qualität ihrer Leistungen. Dabei gibt es am Anfang einer Schulkarriere kaum Kinder, die nicht lernen wollen! Der Lernwille verschwindet nicht grundlos und plötzlich im Verlauf der Schulzeit oder aufgrund der Pubertät. In seinem Buch «Jedes Kind ist hochbegabt» schreibt der deutsche Neurologe Gerald Hüther: «Es ist kein Naturgesetz, dass die meisten Kinder, sobald sie ein, zwei Jahre in der Schule sind, ihre angeborene Lust am Lernen verlieren. Das liegt nicht an ihnen und auch nicht an ihrem Gehirn, sondern am Unterricht.»

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1 Antwort

  1. Jürgen Müller-Popken sagt:

    Ja, in der Tat ist es die Systematik des Lehr- und Lernbetriebes, die nicht nur die Schulmüdigkeit, Lernunlust, Lehrerüberforderung und Elternangst erzeugt und wachhält.

    Je bewusster wir uns doch werden, dass hier etwas ganz und gar gegen die menschliche Natur läuft.
    Dass hier Machtinteressen Weniger seit langem einen Wandel verhindern, den wir eigentlich möchten, gutheissen, herbeisehnen, den wir durch eigene Furchtsamkeit aber selbst verhindern.

    Die Furchtsamkeit vor dem Bruch mit einem durch und durch korrupten Unterdrückungssystem, welches deutlich sichtbar durch Polarisieren der Gesellschsft in „lohnarbeitsabhängige, nützliche Ameisen-Naturen“ und lenkende „Macht-Gewinnler“ auf- und eingeteilt, auch rigoros diktiert, wie „Schule“ auf dieses System vorbereitet.

    Wenn wir, die wir beginnen, diese Unterdrückungsstruktur zu durchschauen, unserer Furcht vor „Bestrafung durch die Systemlenker“ nachgeben, sind wir selbstverständlich nicht fähig, unter diesem selbstverordneten Druck eine menschenwürdige Bildungsweise konsequent zu erdenken, zu postulieren, zu kreieren.

    Die Eltern der „supergescheiten Überfliegerkinder“ sind selbst tief in der Hochleistungsgesellschaftsmentalität des „Elitedenkens“ verwurzelt. Ihnen kann es gar nicht in den Sinn kommen, dass ihr superhochbegabtes Kind seine wunderbare Begabung in „sozialkompetenter“ Weise mit anderen teilen könnte.
    Die Eltern der „zurückbleibenden“ Kinder sind verzweifelt über die eigene „Kompetenzlosigkeit“ (so fühlt sich doch das Zurückbleiben an!). Sie können gar nicht denken, dass Mitschüler ihres „zurückbleibenden Kindes“ Zeit, Lust und Willen haben könnten, ihrem Kind im Lernverbund behilflich zu sein.
    Denn:
    Das Schulsystem in seiner rigiden Form der gewollten Polarisierung SOLL ja geradezu ein solches Verhalten der sozialen Kompetenzen, des hilfreichen Miteinanders, verhindern.

    „Sozialkompetenz“ und ähnlich geartete Vokabeln tauchen dann als theoretische Alibiwerte in „Normen und Werte“ Unterrichten auf. Wer gut aufpasst, bekommt für sein „Verständnis“ dann eine gute „Note“.

    Lernen, sich hilfreich zu verhalten, sich für einander Zeit zu nehmen, sich gegenseitig zu achten, Freude am Miteinander, am gemeinsamen Erschaffen, Kreieren zu entfalten, gemeinsame Formulierungen zu entwickeln, kollektiv entwickelte Resultate zu präsentieren, –
    all das kann nicht theoretisch beschrieben und verordnet zur Anwendung kommen.
    Es muss ERÜBT WERDEN.

    Diese Übung kann nicht nebenbei in zwei Wochenstunden abgetan werden (wir haben ja zwei Stunden Sozialkompetenz, -lächerlich!)
    Diese Übung muss der vorherrschende Lerninhalt überhaupt werden. „Fächer“ sollten zu THEMEN werden, die im gemeinsamen, achtsamen Lernprozess als Forschungsprojekte transportiert werden.

    Es gibt KEIN THEMA, welches nicht alle Fächerstrukturen mit beinhaltet.

    Kinder „beschreiben“ gerne, was sie erforrscht, gefunden, entwuckelt haben.
    (Sprache als Mittel des lustvollen Beschreibens, Erzählens, Berichtens, Kommunizierens) …
    Kinder notieten gerne, was sie behalten, archivieren, mitteilen, weitergeben wollen. Ganz nebenbei lässt sich auch das „richtig schreiben“ mit Freude an Sprache, Schrift und Vermittlungstechnik ausarbeiten.

    Kinder lieben Kommunikation, wenn sie ihnen nicht frühzeitig als Gewinn-und-Verlierspiel verkauft wird. Das wäre die Übung am „Hilfreichen Miteinander“, ohne Wettbewerbsdruck. („Helfen“ sollte doch kein der Lohnarbeit unterworfenes Prinzip der Leistungsgesellschsft bleiben, sondern das lebendige Skelett einer „sozialen“ Lebensgemeinschaft werden.

    Lehrer sollten zu begeisterten Helfern werden, die Kinder sollten die Lehrer fragen, wenn sie in den Lösungsfindungen an Grenzen stossen. Lehrer sollten zu feinen Beobachtern werden, welche die Findungprozesse beratend begleiten und ihr Wissen den „fragenden Kindern“ zur Verfügung stellen. Lehrergruppen sollten, sich gegenseitig ergänzend in fachlich-praktischen Kompetenzen, ein Teil der Lern /Erforschungsgruppe sein.
    Es ist durchaus sinnvoll, die forschenden Kinder verschiexenste Lösungsvorschläge ausarbeiten und vortragen zu lassen. Kontroverse Sichtweisen dann zu einem möglicherweise unerwarteten Ergebnis zusammenzufügen – ist -Gemeinschaftsbildung, Sozialkompetenz und Lösungsorientierte Kreativität.

    Dies alles ist viel Forderung auf einmal. Aber wenn wir nicht bereit sind, diese „Anfangsgedanken“ weiter zu denken, sollten wir aufhören, eine friedliche Lebenswelt zu wollen. Diese kommt nämlich nicht von alleine. Kein Himmel regnet sie auf uns hernieder und kein Gott wird uns dies verordnen.

    Wenn wir all dies sehen, wenn wir einsehen, dass dies der einzige Weg zur von vielen gewünschten friedlichen, selbstbestimmt produktiven Menschengesellschaft ist, zur grossen Gemeinschaft, die niemanden durch Mangel-Bewertung ausschliesst, dann müssen wir beginnen diese überholten, feindlichen Bewertungssysteme auszuschliessen, zu beenden.

    Zuerst – in der „Schule“.

    Der „Bessere“ zu sein nutzt nur dem Egoisten, der ausschliesslich seine eigene Machtentwicklung sieht. Der „Schlechtere“ zu sein schadet den vielen, denen man von Anfang an vereitelt, ihre „Potentiale“ in Ruhe, Freude und Gemeinsamkeit zu entwickeln.

    „Führerpersönlichkeit“, besonderes Talent, Begabung, Vorliebe, hohes Verantwortungsbewusstsein,
    dies alles
    soll und kann sich gerne entwickeln, in vetschiedenem Masse, ohne dass eine besser/schlechter-Kategorisierung nötig wäre.
    Wer ein hohes Mass an Verantwortung übernehmen will, bitteschön, das kann ihm gegeben werden. Wer kleine Details Hand-Haben will, bitteschön, das ist hervorragend im hilfreichen Kanon.
    Jede*r soll können, was er sich zutraut.
    Dies aber braucht in keiner Weise verschiedene Belohnung (bessere Noten ???) zu rechtfertigen.
    Denn
    es ginge ja um die HILFREICHE GEMEINSCHAFT, die ein friedliches GEMEINWOHL plant, erschaft, beobachtet, verfeinert – um aller lebenden Existenzen Willen.
    Alles, was wir bisher unter dem Zwang Vieler geschaft haben, ist durchaus in gemeinschaftlicher Hilfestellung genauso zu schaffen.

    Die dubiose Aussage, der „Mensch“ sei faul, bequem, feindlich und im Kern böse, ist der Versuch des EGOISTEN, seinen Alleinherrscher-Drang zu verteidigen.

    Diese Formulierung stammt aus den Tiefen einer natürlichen, animalischen Kreatürlichkeit, welche der Mensch heutiger Bewusstseinslage schon weitgehend überwunden hat.

    Dies sollen wir uns gerne eingestehen.
    Unser Denken und Fühlen hat eine Menschenwelt geschaffen, die im irdischen Lebenskanon mindestens sehr eigen ist.
    Dieser Lebenswelt immanent ist auch das Bewusstsein zu friedlichem Zusammenleben.

    Allerdings halten reaktionäre Kräfte ebenso an der tödlichen Schraube egoistischer Machtsystematiken fest.
    Auch das ist ein Produkt menschlichen Denkens. Es ist der triebhafte Bereich der Gier, der Macht des Stärkeren (was auch immer hier „stärker“ bedeutet, Definitionsfrage), der Bereich triebhaften Unterdückungszwanges aus purer Angst vor Unterlegenheit.

    Sehn wir das nicht alles?
    Wollen wir das nicht sehen,
    obwohl wir es eigentlich wissen, wissen aus heutiger Bewusstseinslage?

    Und wenn wir diese Vergewaltigung INNEREN KLIMAS stoppen wollen, wo müssen wir mutig beginnen?

    In dem Bereich, den wir BILD-UNG nennen.
    Bildung beinhaltet den Aspekt KULTUR.

    Wir müssen einsehen, dass unser neurotisches Lebensbild der gegenseitigen Benutzung und Ausgrenzung, der Ausbeutung und Unterdrückung, – den Schäden entspricht, die wir an unserer Aussenwelt ebenso wie an unserer Innenwelt vollziehen.

    Je weitergehend sich unsere „technischen“ Möglichkeiten des Manifestierens entwickeln, umso grösser die Gefahr der Unumkehrbarkeit einer erkaltenden Egomanie.

    Wir dürfen wachen Auges darauf schauen, dass diese Schäden in absehbarer Zeit unumkehrbar werden können.

    Wir müssen, die wir uns dessen bewusst sind, vehement an dem neuen, sich selbst und Allen hilfreichen Menschlichkeitsbild arbeiten.

    Niemand darf ausgeschlossen sein.
    Niemand soll als schlechter/besser bewertet werden.
    Niemand ist unfähig, niemand ist allmächtig.

    Niemand braucht eine „Note“, um sich seiner selbst bewusst zu werden und um seinen Platz in einer wahren Gemeinschaft zu finden.

    Offene, gewatfreie,
    Gemeinschafts-BILD-UNG eben.

    jürgen Müller Popken

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