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Ein Plädoyer für Noten

Noten können Eltern und Schüler belasten. Noten per se sind aber nicht belastend. Wenn ein Schüler eine Prüfung schreibt, in der er 10 von 12 Aufgaben richtig löst, macht es keinen Unterschied, ob ihm die Lehrperson oder das digitale Lernprogramm anstatt «10 richtig» eine «5» erteilt. Solange die Arbeit eines einzelnen Schülers beurteilt wird, spielt es keine Rolle, ob Noten, Farben oder Wortzeugnisse erteilt werden. Anders sieht es aus, wenn die Lehrperson für eine ganze Klasse vorgibt, wann welches Lernziel erarbeitet wird und wann dazu eine Prüfung stattfindet. Noten, die so zustande kommen, schaden ausnahmslos allen Schülern, auch den hochbegabten. Letztere beginnen ihre guten Leistungen zu verweigern, denn, wer will schon ein Streber sein und immer gute Noten schreiben? Insbesondere in den kulturtechnisch relevanten Fächern Deutsch und Mathematik werden die Probleme unterschätzt, die durch solches Vorgehen entstehen. Noten und andere standardisierte Rückmeldungen, die so zustande kommen, machen Angst und sagen nur einen Bruchteil aus darüber, was die einzelnen Schüler tatsächlich zu leisten vermögen! Sie zeigen zu deutlich, wie die Leistungen der einzelnen Schüler aussehen im Vergleich zu den Leistungen der anderen. Die Schüler werden nicht zu jenem Lernziel abgefragt, das sie verstanden haben, sondern zu einem, das die Lehrperson bestimmt. Diese Art Gleichmacherei ist nicht zukunftsfähig. Die neuen, kompetenzorientierten Lehrpläne sehen individuelle Förderpläne vor und ermöglichen Monitoring: Lernende dürfen in Deutsch und Mathematik selbst wählen, an welchen Lernzielen sie arbeiten und zu welchem Zeitpunkt sie dazu eine Prüfung schreiben wollen. Es gibt sehr viele Schülerinnen und Schüler, die fähig wären, mehr Verantwortung zu übernehmen als dies heute möglich ist. Das wird allmählich erkannt. Deshalb wird die Individualisierung und die Digitalisierung des Lernens in den Schulen vorangetrieben. Die Schüler können sich Aufgaben vom Computer beliebig oft erklären lassen – so oft, bis sie die Inhalte verstanden haben und bereit sind, eine Prüfung dazu zu schreiben. Bei ungenügenden Rückmeldungen kann die Prüfung wiederholt werden. Noten, die unter solchen Bedingungen zustande kommen, verlieren ihren Schrecken. Lehrpersonen, die in Unterrichtsmodellen arbeiten können, die ein so hohes Mass an Individualisierung zulassen, sind entlastet und haben mehr Zeit, sich schwachen Schülern zuzuwenden. Staatsschullehrerinnen und -lehrer sind laut Gesetz (Volksschulgesetz Kanton Zürich, Paragraf 33 und folgende) verpflichtet, zweimal im Jahr Zeugnisnoten abgeben. Vor diesen Noten fürchten sich viele Schüler und Eltern zu Recht, denn sie sagen zu wenig aus darüber, welche Lernziele erreicht wurden und evozieren unnötig viel Konkurrenzdenken unter den Klassenkameraden. Um diesen Wettbewerb zu umgehen experimentieren Lehrpersonen vielerorts mit dem Verzicht auf Noten. Sie wollen verhindern, dass die Stimmung im Schulzimmer und auf dem Pausenplatz leidet. Kurzzeitig stellt sich jeweils eine Entlastung ein. Die Schüler lernen motivierter. Doch spätestens gegen Ende des Semesters verpufft die positive Wirkung wieder, da die Lehrpersonen halbjährlich Notenzeugnisse auszustellen müssen. Im Gegensatz zu den Volksschulen sind Privatschulen von dieser Pflicht entbunden. Das ist absurd! Unter dem Titel «Beurteilung und Schullaufbahnentscheide an Zürcher Privatschulen auf der Volksschulstufe» steht geschrieben: «Privatschulen dürfen die offiziellen Zeugnisformulare der Volksschule verwenden, eigene Zeugnisse ausstellen oder ganz von einer schriftlichen Form der Beurteilung absehen.» In einigen Kantonen werden Forderungen laut, die zum Ziel haben, dass Zeugnisse nur noch einmal pro Schuljahr ausgestellt werden müssen. Doch auch die Vergabe von Jahreszeugnissen verhindert, dass die Schüler in den Selektionsfächern im eigenen Tempo arbeiten können und erzeugt ebenfalls Mobbing. Damit Schüler motivierter arbeiten, müssten sie, zumindest in den für die Selektion relevanten Fächern, die Möglichkeit haben, nicht nur während der Semester, sondern auch das Schuljahr übergreifend, selbstbestimmt zu lernen. Um das zu gewährleisten, müssten auch die staatlichen Schulen von der Pflicht entbunden werden, Zeugnisnoten ohne Angabe des Lernstands abgeben zu müssen. Die Not der (Zeugnis-) Noten könnte auch aufgehoben werden, indem die Halbjahreszeugnisse beibehalten werden. Dazu sollten für Deutsch und Mathematik jedoch nicht nur nackte Noten vergeben werden, sondern es müsste auch vermerkt werden, welche Lernziele der Schüler erreicht hat.

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