Digitale Transformation & effiziente Schulentwicklung

Trotz einer bereits Jahrzehnte dauernden Reformflut erreichen nach wie vor 20 Prozent der Schüler an der Volksschule die minimalsten Lehrziele nicht. Aus pädagogischer Sicht ist dies eine Misere! Die Digitalisierung bietet Chancen, dies zu ändern.

Digitale Medien als Unterrichtshilfen für einen optimalen individualisierender Unterricht

Es heisst, es werde heute überall «individualisierender Unterricht» erteilt. Doch das stimmt keineswegs! Wenn Schüler in Deutsch und Mathematik ab und zu am Computer, in Projekten oder anhand von Wochenplänen lernen dürfen, entspricht das nicht jener individuellen Förderung, der es bedarf, um die grassierende Über- und Unterforderung aufzuheben. «Selbstwirksames» oder «individualisierendes Lernen» sind unklare Begriffe! «Individualisierend» werden auch jene Unterrichtsformen genannt, welche individualisiertes Lernen lediglich zeitlich begrenzt ermöglichen. Unterricht, der den Lernenden lediglich während einer Schulstunde oder während einer Woche ermöglicht, im individuellen Tempo zu arbeiten, kann weder schulisch schwachen Kindern aufhelfen, noch Unterforderung aufheben. Zeitlich beschränkte Individualisierung ist nicht vergleichbar mit jener wirksamen Individualisierung, die beispielsweise in Montessori-Einrichtungen praktiziert wird, die den Schülern in Deutsch und Mathematik erlaubt, zeitlich unbegrenzt, sogar das Schuljahr übergreifend (!), im eigenen Tempo zu arbeiten.

Digitale Lehrmittel sind wertvolle Tools, die den Lehrpersonen und den Lernenden heute zur Verfügung stehen. Sie erlauben weitgehend selbstbestimmtes Lernen und bieten die Möglichkeit der Selbstkontrolle. Schüler können Übungen so oft wiederholen, bis der Lernstoff sitzt. Das bedeutet eine enorme Entlastung für die Lehrpersonen! Die Schüler fühlen sich weniger von den Lehrpersonen bevormundet. Digitales Lernen hat noch einen weiteren Vorteil: Der Wettbewerb unter den Schülern wird auf ein Minimum reduziert! Die digitalen Medien ermöglichen endlich jene effiziente individuelle Förderung, die bereits Carleton Washburne anfangs und Maria Montessori in der Mitte des 20. Jahrhunderts vorgeschlagen haben. Das Potenzial der Schüler kann ausgeschöpft werden und die Freude am Lernen bleibt bis ans Ende der Schulzeit bestehen.

Zu den genannten Einsichten sind auch amerikanische Forscher gekommen, welche soeben den Nobelpreis für Ökonomie erhielten. Eine der Massnahmen, die für erfolgreiches Lernen angewendet werden müsste, hat die Armutsforscherin Esther Duflo zusammen mit zwei Kollegen dokumentiert. Sie stellten fest, dass Entwicklungsgelder, die für die schulische Förderung in Indien und Kenia eingesetzt wurden, bisher nichts an der Tatsache ändern konnten, dass die Schüler nur wenig lernen. Sie fordern nun, dass der Schulunterricht besser an das kindliche Niveau angepasst wird. Die Kinder sollen in Gruppen eingeteilt werden, die ihren Fähigkeiten, nicht ihrem Alter entsprechen.

Zeitlich unbegrenzte Individuelle Förderung erfordert weniger nicht mehr Ressourcen und braucht auch weniger Lehrpersonen! Die meisten Schüler sind schulisch begabt. Sie würden schneller und nachhaltiger lernen, wenn sie das Lerntempo selbst bestimmen könnten. Und: Die Lehrpersonen hätten mehr Zeit, sich schulisch schwachen Schülern zu widmen. Damit würden alle entlastet: Schüler, Eltern und Lehrpersonen!

Kurz CV

Die Autorin ist in Zürich aufgewachsen. Nach der Ausbildung zur Primarlehrerin an der Pädagogischen Hochschule Zürich hat sie 15 Jahre auf allen Stufen der Volksschule als auch in einigen Privatschulen unterrichtet. Sie interessiert sich besonders für die Ursachen von Lern- und Verhaltensstörungen. Nach der praktischen Tätigkeit absolvierte sie deshalb das Studium der Schulischen Heilpädagogik mit dem Schwerpunkt «Verhaltensauffälligkeiten». Danach arbeitete sie als Schultherapeutin für Lese-/Rechtschreibschwächen und Dyskalkulie. 1998 gründete sie einen privaten Montessori Kindergarten, wo sie seither als Schulleiterin arbeitet.

Von 2010 bis 2012 war sie im Vorfeld der kantonalzürcherischen Abstimmung engagiert als Mitglied des Initiativkomitees «JA! Freie Schulwahl für alle, ab der 4. Klasse».

Während ihrer praktischen Tätigkeit konnte sie Erkenntnisse gewinnen, welche für die Schulentwicklung von Bedeutung sein können. Sie werden von Studien renommierter Erziehungswissenschaftler, Neurologen als auch von Vertretern der Wirtschaft gestützt.

Foto von  Clarita Kunz

Clarita Kunz

Pädagogin – Schulleiterin Montessori Kindergarten



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