Die Verzweiflung über die zu geringe Effizienz der Staatsschulen treibt merkwürdige Blüten aus: VOLKSSCHULE WOHIN? – Missstände und Lösungen

Father scolding pouting daughter

„Helikoptereltern“und „Tiger-Parents“

Helikoptereltern und Tiger-Parents sind neuere Phänomene im Schulalltag. Sie entstanden aus Versagens- und Zukunftsängsten und aus Verlust von Vertrauen in die staatlichen Bildungsinstitutionen.

Helikoptereltern begleiten und beobachten die schulischen und ausserschulischen Unternehmungen ihrer Kinder wenn möglich rund um die Uhr und bis hin zur Pubertät. Das erzeugt viel Druck, der leicht zur Überforderung der Heranwachsenden führen kann.

In Asien lassen Tiger-Moms und Tiger-Dads aufhorchen. Sie schaffen es, die Talente ihrer Kinder mit viel Begleitung, Kontrolle, Zwang und „Pushen“ so zu fördern, dass aus ihnen Mathe-Genies und Musikwunder werden.

Amy Chua liefert in ihrem Buch „Die Mutter des Erfolgs“ Anleitungen, wie diese Förderung in ihren Augen aussehen muss:

Kinder sollen:

  • nie bei Freundinnen übernachten
  • keine Kinderpartys besuchen
  • kein Fernsehen
  • keine Computerspiele
  • keine freie Wahl der Freizeitaktivitäten
  • sich nicht darüber beklagen, dass sie Genanntes nicht dürfen
  • in der Schule Bestnoten erzielen
  • Klavier und/oder Geige spielen

Dass dies bei einigen gelingt, täuscht offenbar weltweit Menschen darüber hinweg, dass nicht wenige daran zerbrechen. In Europa gibt es politische Strömungen, die dahingehen, solch bedenkliches Vorgehen nachzuahmen. Weil solche und ähnliche Förderprogramme manchmal Erfolge verzeichnen, wird oft angenommen, diese Art von Druck sei besser als alles andere dazu geeignet, junge Menschen auf das Erwachsenenleben vorzubereiten. Das erschreckt engagierte Pädagogen zu Recht. Sie fragen sich, wie nachhaltig eine solche Förderung sein kann und ob die Seele eines Kindes dabei keinen Schaden nimmt. Mit Erleichterung nimmt man zur Kenntnis, dass aus Amy Chuas älterer Tochter zwar wie geplant eine erfolgreiche Pianistin und Vorzeigestudentin wurde, dass sich die jüngere Tochter aber dem Erziehungsplan ihrer Mutter verweigert hat. Sie spielt heute Tennis, erfolglos, ist aber glücklich. Offenbar hat ihre Mutter ihre Weigerung akzeptiert. Das ist ihr hoch anzurechnen. Andere Tiger-Eltern in China würden dies nicht zulassen.

Der äussere Druck, der beim Überwachen und Antreiben der Schüler von Tiger-Moms und Tiger-Dads entsteht, ist vergleichbar mit dem äusseren Druck, der entsteht beim Frontalunterricht, wo gleichaltrige Schüler zur selben Zeit dasselbe lernen müssen. Die innere Bereitschaft zum Lernen fehlt. Überwachte Kinder fühlen sich immer bevormundet. Aus Bevormundung erwächst Unmut, Verzweiflung und Leistungsverweigerung. Auch zuhause ausgeübter Drill kann Effizienz nicht ohne Probleme erzwingen.

Die autoritären Regimes in Russland und China kontrollieren ihre Staatsbürger bekanntlich ebenfalls. Mit der Digitalisierung eröffnen sich immer feinere Kontrollmöglichkeiten. Es ist kein Scherz, dass China daran denkt, mittels „Big Data“ kleinste Details der Lebensgewohnheiten zu protokollieren. Es heisst, es werde gar registriert, wie oft jemand im Verkehr hupt. Wer zu oft hupt, riskiert, dass er keine Flüge mehr buchen kann und es wird gar erwägt, solche Aufzeichnungen bei Bewerbungen für eine Stelle miteinzubeziehen. Die meisten Menschen in Europa, auch ganz rechts politisierende Parteien, kritisieren diese Kontrollwut zum Glück scharf.

Was für den Staat gilt, gilt erst recht für die Schule: Kontrolle und Repression vermögen die Effizienz der Schulen nicht nachhaltig zu verbessern. Dafür bräuchte es mehr Kreativität.

Wie in der Schweiz und in Deutschland gibt es auch in China unzählige Einzelpersonen und Institute, die Zusatzangebote anbieten. Wer kurzzeitig Erfolg hat ist bald einmal ein eigentlicher «Star». Entsprechende Propaganda verhilft den Instituten zu immer mehr Aufträgen.

Parallel dazu gibt es Eltern, die vor grösseren Examen, beispielsweise am Ende der Primarschulzeit, während einigen Monaten unbezahlten Urlaub nehmen, damit sie ihre Kinder rund um die Uhr fördern können.

Der Druck, nicht zu genügen, ist in Asien immens. Scheitern ist keine Option. Ziel ist ein akademischer Abschluss an der Uni.

Ein weiterer erschreckender Bericht stammt von Ulrike Pütz aus Singapur: «Büffeln bis zum Umkippen. Singapurs Kinder sind die besten Schüler der Welt. Oft lernen sie 12 Stunden am Tag. Der Stadtstaat belegt beim PISA-Test einen Spitzenplatz. Eltern geben für Nachhilfe 780 Millionen pro Jahr oder bis zu 1000 Schweizer Franken im Monat aus (bei 5,5 Millionen Einwohnern). Nachhilfeschulen bedienen sich aller Tricks, um aus der Sorge der Eltern, ihr Kind könnte es nicht in die Top-Schulen schaffen, Geld zu schlagen. Die besten Nachhilfelehrer verdienen bis zu 720 000 Franken pro Jahr.» Singapurs Premierminister Lee Hsien Loong lobt: «Gut gemacht, weiter so!» Seine Mitbürger sind sich da nicht so sicher. Der Stress der Kinder beginnt schon im Kindergarten. Sie beklagen, dass bereits in den Kindergärten und Primarschulen ein gnadenloser Leistungszwang herrsche. Schon Erstklässler stehen in erbitterter Konkurrenz zueinander (!). Ihre Tage sind gefüllt mit Schule, Nachhilfe, dann noch reichlich Hausaufgaben. Schon Unterstufenkinder leiden unter grossem psychischen Stress. Ihnen wird die Kindheit genommen. Psychischer Stress ist die Hauptursache für die zahlreichen, von Jugendlichen verübten Selbstmorde.»

Solche Zustände sind einfach nur krank. Der Preis für bessere Schulnoten ist in Asien zu hoch. Die langfristigen Folgen sind nicht absehbar.

Immerhin gibt es Stimmen, welche von den negativen Auswirkungen dieser pädagogisch bedenklichen Trends warnen: Lee Hsien Loong etwa warnt vehement davor, dass den Kindern die Kindheit genommen wird. Er möchte die Hausaufgaben abschaffen und ein duales Bildungssystem nach schweizerischem und deutschem Muster einführen, damit der praktischen Berufsbildung mehr Bedeutung zukommt. (NZZ am Sonntag, 20. Dezember 2015).

Asiatische Schulen sind zwar bei den PISA-Tests (noch) sehr erfolgreich. Doch das wird sich bei diesen fatalen Konsequenzen wohl einmal ändern. Eine Beobachtung des Ausnahmetalents Sol Gabetta (Cellistin aus Argentinien) weist in diese Richtung. Sie wurde gefragt, ob die Musikförderung in Russland oder Asien besser sei als in Europa, weil dort so viele Jugendliche auf einem hohen Niveau musizieren. Gabetta: «Das würde ich nicht sagen. Es ist zwar beeindruckend, wie viele Kinder in diesen Regionen mit 12 Jahren schon wunderbar spielen. Aber sie sind oft mit 20 Jahren noch nicht viel weiter. Es braucht so viel mehr als nur Talent und Förderung. Irgendwann wird es wichtig, dass man Musik nicht nur technisch beherrscht, sondern sie auch spürt. Spüren lernen kann man nicht schnell.» («Spielen ist eine Befreiung», PIÙ, Das Magazin zum Lucerne Festival im Sommer 2018).

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