WO BLEIBT DIE REBELLION GEGEN SYSTEMISCHE ZWÄNGE? – Volksschule wohin? Missstände und Lösungen

Trotz all den genannten Problemen gibt es keine sichtbare Revolte der Jugend. Sie verhält sich erstaunlich konform. Es scheint, dass sie aufgehört hat, staatliche Zwänge zu hinterfragen. Eine bequeme Reaktion auf eine Welt, die Angst macht?  Lähmt uns der Gedanke an die Macht der Banken, der Konzerne und des Staats so sehr, dass wir zu sehr Respekt davor haben, dass wir etwa Angst haben, die Arbeitsstelle zu verlieren, wenn wir politisch aktiv werden? Oder ist die Jugend heute zu sehr abgelenkt von der Vielfalt der sozialen Medien? Zeitgenossen der revolutionären Bewegungen der 68-er- und der 80er-Jahre staunen über diese Lethargie und fragen sich: Wo bleibt der Aufschrei „We dont’need no education!“ heute?

Der Kampf um mehr Freiheit, das «Nein!» der jüngeren gegenüber der älteren Generation ist weitgehend weggefallen. Einige meinen, das sei die Folge davon, weil Eltern «nicht mehr so schwierig» seien wie früher. Andere sagen das Gegenteil: «Die heutige Jugend hat den Respekt vor der älteren Generation verloren.» Die Wut der Jungen bleibt also aus. Die Generation «Y» scheint von den Errungenschaften der Rebellion der Generation «X» profitieren zu wollen, die in den 68-er und der 80-er Jahre politisch aktiv war. Sieht sie nicht, dass das nicht reicht?

Bei der Erziehung zeigen sich positive Veränderungen. Eltern erziehen heute reflektierter, verständnisvoller und weniger bevormundend. Das hat zur Folge, dass die Reibung zwischen ihnen und ihren Kindern nicht mehr so gross ist wie auch schon. Dieser Reibungsverlust ist zu begrüssen, weil sich weniger eingeschränkte Kinder erfreulicher entwickeln können. Kinder und Jugendliche, die nicht ständig kritisiert werden, entwickeln mehr Ich-Stärke.

Die Bevormundung in den Schulen ist aber nach wie vor gross. Heute können einige wenige, die sich politisch engagieren, dank den Möglichkeiten von Social Media in kurzer Zeit Erstaunliches erreichen. Es bräuchte aber noch mehr von diesem Engagement, besonders in Bezug auf das Schulwesen. Viele verschliessen die Augen vor der Tatsache, dass 20 Prozent der Schüler die Mindestlehrziele nicht erreichen. Doch dem Neurologen Prof. Gerald Hüther hören hunderte Menschen in Kongresssälen, wenn er darüber nachdenkt, weshalb das Bildungswesen „lustlose Pflichterfüller“ produziert. Das passt nicht zusammen. Es braucht einen Aufschrei, Empörung und Rebellion, um die Bevormundung im Bildungswesen aufzuheben.

An den Hochschulen wird heute unglaublich viel gepaukt: Wie selbstverständlich begeben sich Studierende vor und nach den Vorlesungen als auch während den Semesterferien beinahe täglich in die universitären Bibliotheken, um dort bis spätabends für die Semesterprüfungen zu lernen. Die Prüfungen sind viel umfangreicher geworden. Es wird viel mehr Auswendiggelerntes als vor 20 Jahren geprüft und mehr angewandtes Wissen. In den Achtzigerjahren fand ein starkes Aufbäumen gegen solche Bevormundung statt. Davon ist heute nichts zu spüren. Die Akzeptanz von sehr viel äusserem Druck ist grösser geworden und offensichtlich gilt das auch für die Frustrationstoleranz der Studierenden im Allgemeinen.

Viele Studenten scheitern im ersten Anlauf. Im ersten Studienjahr ist die Durchfallquote besonders hoch und steigt stetig an. PATRICK AEBISCHER ortet die Ursache bereits in der Primarschule: „In Europa ist der Unterricht immer noch viel zu passiv und zu autoritär, auch in der Schweiz. Das ist ein Problem. Der Frontalunterricht, so wie wir ihn kennen, – 25 gleichaltrige Kinder sitzen in einem Klassenzimmer und lösen dieselben Aufgaben-, ist überholt. Nun müssen wir dieses System rekonstruieren. Intelligenz ist eines der demokratischsten Güter. Sie ist auf die ganze Gesellschaft verteilt. Aber unser Bildungssystem passt die Kinder einander an, anstatt ihre je individuellen Fähigkeiten zu fördern. Das System wurde von der technologischen Entwicklung überholt. Viele Studierende sind noch nicht für die Universität bereit, wenn sie zu studieren beginnen.“ (TA, 20.7. 2015, Interview mit FRANZISKA KOHLER).

Wer früher an der Universität scheiterte, begann mit einer Berufslehre. Im Gegensatz zu früher bleiben Studierende heute nach erstmaligem Scheitern bei der gewählten Ausbildungsrichtung. Sie sind eher bereit, Umwege von einigen Jahren zu investieren, um schlussendlich doch noch das gewünschte Berufsziel zu erreichen. Es ist üblich, dass sich Akademiker Verschnaufpausen gönnen, etwa indem sie nach bestandener Maturaprüfung oder nach dem Assessment ein Zwischenjahr einlegen. Das Durchhalten erfordert eine grosse psychische und finanzielle Belastbarkeit. Der Konsum von Coca-Cola, Kaffee, Ritalin und anderen Neuroleptika unterstützt die Konzentration im Studienalltag.

Hat die Wirtschaftskrise dazu beigetragen, dass sich die Studierenden zwar stressresistenter, aber auch passiver verhalten? Die Wirtschaftskrise und auch die Bologna-Reform, welche dem Erreichen der international anerkannten ECTS-Leistungspunkten (ECTS=European Credit Transfer and Accumulation System) mehr Glaubwürdigkeit verleihen soll, üben sehr viel Druck auf die Studierenden aus. 1999 hatten Vertreterinnen und Vertreter von 29 Ländern diese Harmonisierung der europäischen Hochschulen beschlossen. Die Nutzen dieses Systems ist mittlerweile umstritten. Ein Grund, weshalb das so ist: ECTS-Punkte sind in manchen Ländern leichter zu erhalten als in anderen. Die ernüchternde Bilanz lautet deshalb: Das ursprünglich logisch und fair erscheinende Bologna-System ist nicht gerechter als das Bewertungssystem vor der Jahrhundertwende. Die Abschlüsse „Bachelor“ und „Master“ werden zwar in ganz Europa verwendet, sagen aber zu wenig aus über die effektiven Kompetenzen der Studienabgänger.

Der zunehmende Druck an Schulen und Universitäten hat nicht bessere Leistungen zur Folge, sondern schlechtere. Wir sollten uns nicht rühmen, wir seien eine Leistungsgesellschaft, solange wir über die grossen Probleme stöhnen müssen, die diese produziert. Beim Betrachten der Probleme während und nach der obligatorischen Schulzeit müssten wir eingestehen, dass unser Schulwesen zu viele gute Leistungen verhindert. Zu viele Schülerinnen und Schüler hören nach wenigen Schuljahren auf, begeistert zu lernen und werden zu Minimalisten.

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