VIERTER MYTHOS Die Volksschule ist eine grosse integrative Kraft – aus: Volksschule wohin? Missstände und Lösungen

Das genaue Gegenteil ist der Fall: Die Volksschule separiert heute so stark wie nie zuvor. Die Probleme, die sich aktuell vielerorts bei der Umsetzung der auf ehrenwerten Ideen fussenden Integration aller Kinder in eine Schule ergeben, nehmen immer mehr überhand. Das hat nicht in erster Linie damit zu tun, dass neu körperlich und geistig behinderte zusammen mit nicht-behinderten Kindern und Jugendlichen im selben Schulzimmer beschult werden. Das Problem sind die Rahmenbedingungen der Schulen, welche die Förderung der immer mehr divergierenden schulischen Talente akut gefährden.

Obwohl in den Klassenzimmern und in den Schulverwaltungen tausende freundliche und engagierte Menschen arbeiten, prägen die Pfeiler der Institutionen den Output des Schulwesens stärker als der lobenswerte Einsatz der Pädagogen. Obwohl Lehrer also sehr, sehr hart arbeiten, ist die Schule zu wenig effizient. Sie macht krank. Und: Die Solidarität ist mehr denn je gefährdet.

Zu behaupten, die Volksschule leiste Hervorragendes in Bezug auf die Integration aller Kinder ist in Anbetracht der mit Zahlen belegten Probleme geradezu zynisch.

Politikerinnen und Politiker, die sich profilieren und wählen lassen wollen, scheinen die Augen verbunden zu haben, denn sie wiederholen Mythen wie diesen gebetsmühleartig: „Die Volksschule ist nach dem Wegfallen der Armee die grösste verbleibende integrative Kraft, weil alle Kinder aufgenommen werden, unabhängig von ihrem sozialen, wirtschaftlichen oder kulturellen Hintergrund.“ Hartnäckig wird moniert, der staatliche Eingriff ins Bildungswesen sei dadurch legitimiert, dass die Zwangszuweisungen zu den Schulen eine ideale soziale Durchmischung ergäbe, welche allen Schülern dieselben Bildungschancen eröffnet.

Unfassbar, dass diese Aussage überall immer wieder auftaucht: in den Medien, in pädagogischen Erstausbildungen, in Weiterbildungskursen. Dieses bildungspolitische Mantra wird nicht wahrer, wenn es andauernd wiederholt und publiziert wird. Es bedarf dringend und not-wendig einer genauen Analyse. Eine solche würde ergeben:

Die Spaltung der Gesellschaft ist so gross wie nie zuvor. Die Chancenungerechtigkeit hat einen noch nie dagewesenen Höhepunkt erreicht. Verschiedene Faktoren sind schuld daran, allen voran der Umstand, dass die Schüler gezwungen werden, eine bestimmte Schule zu besuchen.  Die Heterogenität der Kinder wächst, aber von Bildungsvielfalt ist keine Spur. Die Unzufriedenheit der Kinder von nicht gut betuchten Eltern wächst, weil sie gezwungen werden, eine bestimmte Schule zu besuchen, ungeachtet der Tatsache, dass deren Unterrichtsmodell ihren Bedürfnissen möglicherweise überhaupt nicht entspricht.

Von Wissenschaftern erarbeitete Studien und deren Ergebnisse zum Thema «Integration» klären meist nur unwesentliche Fragen und werden zudem ständig zur Bestätigung falscher Thesen herangezogen. Die Probleme wachsen, weil die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler immer weiter auseinanderdriften und die Bemühungen, die damit verbundenen Probleme in den Griff zu bekommen, in eine falsche Richtung gehen: Immer mehr Schüler werden therapiert. Trotzdem werden die grundlegendsten Lehrziele von zu vielen Kindern nicht erreicht. In eine falsche Richtung geht auch die Annahme, es seien nebst den Lehrpersonen und Heilpädagogen noch mehr Begleitpersonen in den Schulzimmern einzusetzen.

Die beiden Länder Deutschland und die Schweiz stehen in Bezug auf die Segregation an der Spitze aller europäischen Länder. Kindern, die vom sogenannten „Geldadel“ abstammen, stehen die Schulhaustüren von privat geführten Institutionen offen, welche die grösste Bidlungsvielfalt offerieren. Die Chance, dass sie ihren Bedürfnissen entsprechend gefördert werden ist bei Kindern reicher Eltern am grössten. Gut betuchten Eltern steht eine grosse Auswahl verschiedenster, boomender, privater Angebote zur Auswahl. Sie können kostenpflichtige private Schulen bezahlen oder können es sich leisten, den Wohnort zu wechseln, wo sie hohe Mieten bezahlen, damit ihre Kinder dort von einer alternativen öffentlichen oder privaten Schule profitieren können. Die Folge: Die Chancen der Kinder aus finanziell benachteiligten Elternhäusern sind nirgendwo so schlecht wie in diesen beiden Ländern. Sie haben keine Wahl. Geglückte Integration sieht anders aus! Noch nie war die Chancenungerechtigkeit grösser zwischen Kindern von finanziell unabhängigen Eltern und Kindern, welche die Zwangszuteilungen in eine vom Staat bestimmte Schule mangels fehlender finanzieller Mittel in Kauf nehmen müssen. (Quelle: OECD elternlobby.ch)

 

Gute Bildung ist käuflich und ergo nicht allen zugänglich. Das soll die soziale Kohäsion der Gesellschaft fördern?

 

In Deutschland und in der Schweiz werden Schülerinnen und Schüler am Anfang eines Schuljahres einer bestimmten Staatsschule ihrer Wohngemeinde zugeteilt. Damit Gesuchen von Eltern für eine Umteilung in eine andersgeartete Schule entsprochen wird, welche den Bedürfnissen ihrer Kinder besser entspricht, braucht es triftige Gründe. Die meisten Gesuche werden abgelehnt. Immer mehr Eltern wehren sich deshalb mit Rekursen gegen diese Zwangszuteilungen. In den allermeisten Fällen werden auch diese abgelehnt.

In keinem anderen Land wie in Deutschland und in der Schweiz haben die Kinder bildungsferner Eltern so wenig Chancen auf eine gute Ausbildung. Vom Geldbeutel bestimmte Ausgrenzungen werden zunehmen und die Segregation verschärfen. Die Volksschule ist demzufolge eher eine unheilige, denn eine heilige Kuh.

Zwei Faktoren zeigen, dass die Volksschule nicht integriert, sondern immer mehr separiert:

 

  1. Die Heterogenität der Schüler nimmt zu. Um diesem Fakt gerecht zu werden, müssten wir aufhören, die bestehende Bildungsmonotonie zu unterstützen und beginnen, mehr Bildungsvielfalt für alle

 

  1. Mit den Zwangszuteilungen in ein bestimmtes Schulhaus geben sich immer weniger Eltern zufrieden. Viele rekurrieren dagegen oder zahlen gar Bussen, um ihre Kinder von der Schule fernzuhalten, um sie zuhause unterrichten zu können. Wer es aus finanzieller Sicht vermag, wählt eine Schule, die den Bedürfnissen ihrer Kinder besser gerecht wird. Das ist allen anderen Eltern gegenüber unfair und führt je länger je mehr zu einer unheilvollen Spaltung der Gesellschaft.

 

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