DRITTER MYTHOS Die Volksschule fordert zu viel Leistung- aus: Volksschule wohin? Missstände und Lösungen

 

Es gibt zu viel Druck an den Volksschulen. Trotzdem leisten Schülerinnen und Schüler zu wenig. Schuld an diesem Druck, der zu viele Lernende versagen lässt, sind Über– und Unterforderung.

Kinderpsychologen zufolge ist der Druck bei Schülern und Studenten heute so hoch wie bei Managern. Laut einer Studie der WHO leidet ein Drittel der 11-jährigen  Kinder in der Schweiz unter Schlafproblemen und das Sorgentelefon (Nr. 147) berichtet davon, dass 30 Prozent der anrufenden Jugendlichen unter stressbedingten Problemen wie Kopfschmerzen, persönliche Probleme (Krisen, depressive Verstimmungen, Angst) und Suizidgedanken leiden.  Die meisten werden im Zusammenhang mit der Schule genannt. Noch vor fünf Jahren waren es nur etwa 18 Prozent. Die Untersuchung stammt von «Pro Juventute». Diese Institution ist jeden Tag in Kontakt mit etwa 400 Kinder- und Jugendlichen. Die Schlüsse, die daraus gezogen werden, sind falsch: Zuviel Druck entsteht nicht, indem wir Schülern zu viel zum Lernen zumuten.

Viele Kinder leiden unter zu viel Druck. Aber sie sind nicht schulisch dumm. Sie arbeiten bei gewissen Aufgaben lediglich langsamer als andere. Sie erhalten schlechte Noten. Bei vielen Erwachsenen fehlt oft die Einsicht, dass Kinder unterschiedlich schnell lernen. Immer wieder sind Aussagen zu hören wie, das Kind sei einfach „faul“ oder „halt in der Pubertät“. Solche ungerechtfertigten Stempel, zusammen mit Strafen und Sanktionen, verstärken die Probleme der Lernenden nur.

Teure Therapien haben trotz bestens ausgebildeten schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen zu wenig Erfolg. Ihre Arbeit gleicht einer Sysiphusaufgabe. Sie versuchen Kindern zu helfen, die entweder zu langsam lernen, von einer Lese-/ Rechtschreibeschwäche betroffen sind oder unter Dyskalkulie leiden. Sie wiederholen Einführungen in einzelne Themen, bei denen Unklarheiten bestehen oder helfen, Inhalte zu automatisieren. In der Therapie können einige Defizite eliminiert werden. Da die übrigen Klassenkameradinnen und Klassenkameraden aber bereits am nächsten Thema arbeiten, hinken langsamere Kinder weiterhin hinten nach und werden andauernd aufs Neue frustriert. Die „Lernlöcher“ werden nicht kleiner, sondern grösser. Die Arbeit der Therapeuten kann nicht greifen, weder in der Einzelteharpie ausserhalb des Schulzimmers, noch im Schulzimmer drin. Legasthenie, Dyskalkulie, Illetrismus usw. können nicht aufgehoben werden. Deren Symptome werden im Gegenteil verstärkt, trotz zunehmendem Engagement und trotz immer mehr therapeutischem Fachwissen. Das ist auch deshalb tragisch, weil das Know-how, um solche Symptome zu behandeln, seit Jahrzehnten vorhanden ist. Bereits in den 80er-Jahren wurde eine Vielzahl von kreativen Behandlungsaufgaben gefunden, wie man Legasthenie- und funktionalen Analphabetismus erfolgreich therapieren kann. Dazu gehört auch das neurolinguistische Programmieren. Bei diesem Ansatz wird auf dem Lerntyp eines Kindes geachtet, etwa darauf, welche Sinne beim Lernen angesprochen werden oder welche emotionalen Erfahrungen es mit bestimmten Lerninhalten schon gemacht hat. Rechtschreibschwächen sind komplex determiniert. Es gibt neurologisch bedingte, solche mit sozialpsychologischen oder curricularen Komponenten, andere sind auf einen zu wenig differenzierten Wortschatz zurückzuführen. Früh wurde erkannt, dass didaktische Faktoren wie «Unterrichtsgestaltung und Lehrmittelmerkmale» ebenfalls eine Rolle spielen. Leider wurde dies bisher nicht näher untersucht. Im Verlauf der letzten Jahrzehnte wurde klar: Die Wirkung älterer als auch neuer Behandlungsformen ist viel zu gering. Zu viele Kinder und Jugendliche sind therapieresistent.

Daran ändert sich auch nichts, wenn statt von Therapien neu von «Nachteilsausgleich» die Rede ist. Welcher Art der Nachteil, die Teilleistungsstörung eines Schülers auch ist: Selbst wenn dieser Nachteil früh behandelt wird, führen bestimmte Unterrichtsmodelle zu Stigmatisierungseffekten mit psychoreaktiven Störungen, welche kleinste Erfolge sogleich wieder zum Verschwinden bringen. Fakt ist: «Nachteilsausgleichstherapien» sind in den meisten Unterrichtsformen wirkungslos und ein unnötiger Verschleiss an Ressourcen.

Ein Beispiel: Eva versteht den gleichgerichteten Dreisatz nicht. In der Therapie lernt sie Schritt für Schritt den Aufbau vom Dreisatz über den einfacheren Zweisatz. Endlich versteht sie. In der Zwischenzeit sind ihe Mitschülerinnen und Mitschüler bereits beim umgekehrten Dreisatz angekommen. Eva ist wiederum überfordert. Bei der nächsten Prüfung hat sie die neue Rechenart noch nicht begriffen und schneidet schon wieder schlecht ab. Sie verliert den letzten Rest von Mut und Freude am Lernen.

Ein schulisch schwaches Kind, das eine Therapie oder mehr Zeit bekommt, um eine Prüfung zu schreiben oder dessen Noten im Zeugnis in Deutsch oder in Mathematik zeitweise ausgesetzt werden, fällt auf. Über kurz oder lang bekommen das die Klassenkameraden mit. Für die betroffenen Kinder ist dies peinlich und demütigend. Der grosse Aufwand, den Lehrpersonen und Eltern betreiben, um Schulversager davon zu überzeugen, dass das nicht so schlimm ist, weil es andere Talente hat, ist zynisch und falsch, denn es gibt sie, die Möglichkeit, nicht zu versagen, wie später gezeigt wird.

Neben sehr vielen überforderten Schülern gibt es auch ausserordentlich viele unterforderte Schüler, welche in ähnliche Schwierigkeiten geraten können wie überforderte. Beide haben eines gemeinsam: Ihr schulisches Potenzial wird nicht ausgeschöpft.

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