ERSTER MYTHOS: Kinder waren früher genauso auffällig wie heute – Volkssschule wohin? Missstände und Lösungen

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Es ist nicht wahr, dass Kinder früher genauso auffällig waren wie heute und dass die Anzahl der therapiebedürftigen Schüler nur deshalb so stark zunimmt, weil man genauer hinschaut. Wahr ist, dass Kinder und ihre Eltern heute kritischer sind, dass sie lauter und öfter protestieren.

Und: Wie früher gibt es auch heute sehr viele Schüler, die nicht protestieren, die das Gegenteil sind von frech und laut. Sie reagieren, manchmal unbewusst, oft auch bewusst leise, indem sie still dasitzen und nur das Minimalste leisten. Sie verweigern das Lernen und treten als im schulischen Sinne dumm in Erscheinung. Das heisst aber nicht immer, dass sie auch wirklich dumm sind. Weil sie nicht stören, bleiben ihre Probleme oft unentdeckt. Für die Lehrpersonen ist solches Verhalten zunächst einmal sehr angenehm, denn in den grossen Klassen, die sie zu betreuen haben, gibt es sehr viele laute Kinder, mit denen sie übergenug zu tun haben. Vor allem in den Kindergärten der Volkssschule sind die Gruppen entschieden zu gross. Für introvertierte Schüler ist das fatal. Sie erhalten zu wenig Unterstützung, können nicht lernen, ihre Bedürfnisse zu äussern. Laute, verhaltensauffällige Lernende erhalten zu viel Aufmerksamkeit. Das ist genauso fatal. Laute, vorwitzige, kritische Kinder werden zurechtgewiesen, ermahnt und bestraft. Wenn das nichts nützt, werden sie zusätzlich vom Schulpsychologischen Dienst abgeklärt und oftmals ohne Erfolg therapiert. Einige politische Parteien meinen, die Lehrpersonen heute würden eine „Kuschelpädagogik“ betreiben, welche für die Misere im Bildungswesen verantwortlich ist. Sie fordern von ihnen mehr äussere Autorität, mehr „Disziplin“, mehr hartes Durchgreifen gegen auffälliges Verhalten. Doch das ist zu kurz gedacht und führt zu gar nichts. Im Gegenteil: Mehr äussere Disziplinierung und hartes Durchgreifen verschärfen das Problem. Verhaltensauffällige geraten in einen Teufelskreis. Strafen ist ledigliche eine Symptombekämpfung und kann eine sorgfältige Analyse und das eigentlich erforderliche, wirksame Handeln nicht ersetzen. Schulisch Schwache, die leise leiden, werden als angenehm empfunden. Sie werden in Ruhe gelassen, aber nicht selten schlecht benotet. Ihre Leistungen bleiben oft weit hinter den geforderten Mindestleistungen zurück.
In den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche Ratgeber publiziert, welche Eltern die Erziehung zuhause erleichtern. In den Schulzimmern hat sich hingegen trotz einer Unmenge neuer Lehrmittel und trotz der zunehmenden Digitalisierung bisher zu wenig verändert. Nach wie vor wird zu vieles von den Lehrpersonen vorgegeben: Lerninhalte, Lerntempo und Prüfungstermine. Viele Verhaltensauffälligkeiten sind im Grunde gegen solche Bevormundung, gegen einige systemische Bedingungen gerichtet. Das ist Schülern, Eltern und Lehrpersonen zu wenig bewusst. Die schulischen Talente sind enorm unterschiedlich! Das wissen wir spätestens seit den Publikationen von Remo Largo, dem bekannten Schweizer Kinderarzt. Beispielsweise variiert der Wortschatz bereits bei Dreijährigen massiv. Wenn nun Schüler mit unterschiedlichen schulischen Bedürfnissen zur gleichen Zeit dasselbe lernen sollen, sind Verhaltensauffälligkeiten und Lernprobleme vorprogrammiert. Mindestens in den Selektionsfächern Deutsch und Mathematik sollte den Schülern mehr Autonomie zugestanden werden.

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