Das Engagement der Lehrpersonen ist riesig. Weshalb nehmen die Probleme trotzdem zu, nicht ab? – Volksschule wohin? Missstände und Lösungen

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Lehrerinnen und Lehrer sind so stark belastet wie nie zuvor.

Politikerinnen und Politker, die sich wählen lassen möchten, fordern, den Lehrpersonen müsse „der Rücken gestärkt“ werden. Wie das geschehen soll, nachdem ihnen so viel Autonomie genommen und soviel administrativer Aufwand auferlegt wurde, ist alles andere als klar.

Klar ist: Lehrerinnen und Lehrer sind ausgebildete Experten. Man sollte ihre Bedürfnisse ernster nehmen.

Verschiedenste Untersuchungen zeigen, dass ein Drittel von ihnen demotivert und gefährdet ist, ein Burnout zu erleiden. Schade, denn: Wer ausgebrannt ist, hat zumindest einmal gebrannt…!

Die allermeisten Probleme der Lehrpersonen sind, genauso wie jene der Lernenden, systemisch bedingt. Da ist einmal die von Regierung kompromisslos geforderte Umsetzung der Integration, welche die Lehrer belastet.

Kurt Willi, Vizepräsident des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, beschreibt, wie es bei einer Lehrerkollegin seit der Einführung der Integration im Klassenzimmer aussieht: „Es ist eine 5. Klasse mit 24 Kindern. Fünf werden integrativ gefördert. Das heisst, eine Heilpädagogin ist während vier Lektionen pro Woche im Schulzimmer anwesend, zusammen mit der Klassenlehrerin. In der gleichen Klasse sind auch zwei Kinder, welche dem Unterricht in keiner Art und Weise folgen können. Für diese ist die Heilpädagogin zusätzlich während 14 Stunden anwesend. Für die zwei integrierten Kinder muss die Heipädagogin in Absprache mit der Lehrerin ein völlig anderes Programm fahren. Hinzu kommt: Unter den übrigen Schülerinnen und Schülern sind fünf, die laufend disziplinarische Probleme machen und den Unterricht stören. Die Kollegin ist am Rande ihrer Kräfte.“

GERALD HÜTHER sagt: „Die Lehrer tun mir leid. Die sind ja einmal losgezogen und wollten Unterstützer von Kindern bei ihren Lernprozessen werden. Wenn sie das nur noch mit Mühe aushalten, dann liegt das eben auch daran, dass sie derzeit kaum eigene Gestaltungsspielräume haben. Im Grunde genommen geht es den Lehrern fast so wie den Schülern.“

Viele überforderte und demotivierte Lehrpersonen wechseln den Beruf.

Laut einer Umfrage der unentgeltlichen Schweizer Abendzeitung „20 Minuten“ im Oktober 2011 ist jede siebte Lehrperson in der Schweiz unzufrieden. Und das Schweizerische Bundesamt für Statistik schreibt 2014: Jede zweite Lehrperson steigt nach fünf Jahren bereits wieder aus dem Schuldienst aus.

Mit der Einführung der teilautonomen Volksschulen (TaV) kurz nach der Jahrhundertwende wurden Schulleitungen installiert. Teilautonomie, das tönt so, wie wenn die Schulen vorher über gar keine Autonomie verfügt hätten. Das ist irreführend, denn exakt das Gegenteil ist der Fall: Früher waren die Schulen und damit auch die Lehrpersonen autonom. Das Projekt TaV wurde von der Bildungsdirektion lanciert. Es wurden Schulleitungen installiert, welche die Lehrpersonen «leiten». Das heisst nichts anderes als: Schulen und Lehrpersonen werden seither mehr bevormundet. Einigen Lehrpersonen gefällt das, namentlich den jüngeren. Sie sind weniger sich selbst überlassen als vor 20 Jahren. Früher waren Lehrer Einzelkämpfer. Der Start in den Lehrerberuf war hart. Dafür war man freier. Um den Vorgaben der Schulleitungen nachzukommen, benötigen Lehrer heute immense zeitliche Ressourcen. Unzählige Sitzungen werden abgehalten, um Informationen weiterzuleiten, zu Themen wie Anzahl und Art der Exkursionen, Weiterbildungen, Schulevaluationen, die durchzuführen sind und zum Sammeln von Rückmeldungen der Lehrerschaft über diverse Aktivitäten der Schüler. All das muss auf einer Unzahl von Formularen dokumentiert werden.

Schon 1976 (!) gab der bekannteste Schweizer Pädagogik Professor der letzten Jahrzehnte MARCEL MÜLLER-WIELAND zu bedenken: „Die Verbundenheit von Lehrern und Behörden ist nicht auf rein rechtlicher Ebene auszutragen. Wo dies geschieht, wird der Lehrer zum Beamten funktionalisiert, dem der übergeordnete Beamte als Aufsichtsorgan und Befehlshaber gegenübersteht. Solche gesellschaftliche Überordnung der Kompetenzen nimmt der Lehrerschaft die eigentliche Verantwortung des pädagogischen Tuns aus der Hand.“ (aus „Wandlung der Schule“, Novalis).

Die Lehrer sind mit administrativen Arbeiten überlastet. Dazu kommen die Probleme der Schülerinnen und Schüler. „Depression geht um an den Schulen“. Regelmässig wiederkehrend titeln Artikel so und ähnlich. „Jede fünfte Lehrperson in der Schweiz fühlt sich ständig überfordert. Zudem leidet jeder dritte Pädagoge mindestens einmal pro Monat unter depressiven Beschwerden; ebensoviele sind burnoutgefährdet.“ (Bildung Schweiz 2014, Nr. 11). Das ist das  Resultat einer gesamtschweizerischen Studie der FHNW Fachhochschule Nordwestschweiz, unter der Leitung von Frau Doris Kunz Heim. 600 Lehrerinnen und Lehrer der 5. Bis 9. Klasse nahmen daran teil.

Bemerkenswert: Viele Lehrpersonen unterlassen es, zu hinterfragen, was ihrem Leiden zugrunde liegen könnte. Sie sind politisch zu wenig aktiv. Das ist unverständlich. Obwohl viele nach wenigen Jahren den Dienst quittieren und obwohl viele von ihnen krank werden (Burnout), werden ihre Klagen fast nur unter vorgehaltener Hand vorgebracht.Dieses unkritische, passive Verhalten der Lehrpersonen gegenüber den Vorgaben aus der Politik ist zu kritisieren.Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb so viele Lehrpersonen es darauf beruhen lassen, dass sie so viel an Autonomie verlieren und dass sie immer mehr Marionetten verschiedener Gremien werden. Alle paar Jahre müssen sie sich gravierenden Änderungen anpassen wie beispielsweise der Integration schwierigster Kinder oder dem Co-Teaching mit Schulischen Heilpädagogen.Anders als in den 68-er-Jahren oder 80er-Jahren scheinen die Lehrpersonen (inklusive Schulleitungen) sich damit abzufinden, dass der Bildungsrat ihnen beinahe Jahr für Jahr Änderungen diktiert, welche ihre Autonomie und damit ihren Handlungsspielraum immer weiter einschränkt. Immer wieder werden Schulleiter und Lehrpersonen vor Tatsachen gestellt, die sie ungefragt umsetzen müssen. Von sich aus machen sie sich zu wenig bemerkbar. Die Ursache dieses mehrheitlichen Schweigens ist wohl auch auf mangelnde zeitliche Ressourcen zurückzuführen: Viele sind so sehr mit Administrationsaufgaben und Unterrichten beschäftigt, dass ihnen zu wenig Energie bleibt, um die äusseren Bedingungen ihrer Tätigkeit zu hinterfragen.

Im persönlichen Gespräch hört man oft, die Lehrpersonen hätten genug von reformpolitischen Kehrtwenden. Sie wollten „nur noch in Ruhe gelassen werden“ und „keine weiteren Reformen mehr von oben“ aufoktruiert bekommen. Anstatt die Situation der Lehrerschaft genauer zu analsysieren versucht man Ansätze von Protesten mit Äusserungen wie: „Wir haben genug von dem Gejammer!“, im Keim zu ersticken (Interview der NZZ am Sonntag, 1.1.2017 mit Silvia Steiner, Bildungsdirektorin des Kantons Zürich). Wenn nichts Wesentliches geschieht, werden die Kehrtwenden nicht abreissen. Denn sie sind nichts anderes als Verzweiflungsreformen. Solange die Probleme und die Kosten an der Volksschule zunehmen, wird der Bildungsrat weiterhin Rahmenbedingungen ändern oder neue vorgeben, nach denen sich die Schulen und die Lehrpersonen zu richten haben. Die ausgedachten Reformen der letzten Jahrzehnte waren rein kosmetischer Art. Sie vermochten nichts gegen die besorgniserregenden, mit Zahlen belegten Tatsachen auszurichten.

Zu viele Lehrer, Schulleiter, Schulbeamte und Ausbildende an Pädagogischen Hochschulen versäumen es, von dieser Höhle der Geschäftigkeit aus zum Licht der Erkenntnis hinaufzusteigen, wie das Platon im berühmten Gleichnis nahegelegt hatte. Wer nicht hinaufsteigt, läuft Gefahr, „sich bewegende Schatten für die Wirklichkeit zu halten“. Nur wer aus der Höhle steigt, sich umdreht und sich traut, dem Licht der Wahrheit entgegenzublicken, erkennt, dass man sich täuschen und dazulernen kann.                                      Die Meta-Ebene wurde bisher völlig ausgelassen, von der aus die Problematik des Schweizerischen Bildungswesens im Bereich der obligatorischen Schulzeit zu betrachten wäre. Eine Sichtweise aus der Vogelperspektive könnte wesentliche Änderungen bringen. Mit einigen wenigen Massnahmen würden viele kostspielige, aber unwirksamen Symptombekämpfungen von einem Tag auf den anderen obsolet.

Opportun wäre beispielsweise die Frage „Wie gelingt Lernen?“. Opportuner als die in den Medien beinahe täglich stattfindenden Kontroversen um den Umfang von Stundentafeln, um die Anzahl zu erlernender Sprachen, um die Einführung und Organisation von Ganztagesstrukturen, um die Integration von Nachhilfe- oder Gymivorbereitungskursen in den obligatorischen Unterrricht, um die Integration oder Separation von schwierigen Schülern usw. Der Fokus wäre zuallererst und so lange auf die beiden Fächer Deutsch und Mathematik zu richten – so lange, bis man einen Weg gefunden hat, dass 95 oder 100 Prozent der Schüler die Lehrziele erreichen.

Miit Vorliebe lancieren die Medien Diskussionen um neue „Pflästerli“ in der Bildungspolitik. Sie drehen sich gerne auch immer wieder um Schulmodelle, die gegeneinander ausgespielt werden. Wer sich für die Vorteile einer bestimmten Unterrichtsart stark macht, evoziert sofort ein gehässiges Hickhack, das noch nie zu einer nachhaltigen Lösung geführt hat. Bei Streitigkeiten bestimmt die Mehrheit der Stimmbürger einer (Schul-) Gemeinde über die Einführung oder über die Absetzung einer Unterrichtsart. Die Lehrpersonen und die Schüler haben das Nachsehen.

NÄCHSTER BEITRAG    WORAN ES NICHT LIEGEN KANN, DASS SOLCHE MISSSTÄNDE BESTEHEN – SIEBEN VERBREITETE MYTHEN

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