Integration ja, unbedingt, aber nicht so! – Volksschule wohin? Missstände und Lösungen

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Vor der Einführung des Integrationsmodells 2005 führten die meisten Gemeinden Sonderklassen, wo schwierige Kinder beschult wurden. Zudem gab es in den Schulgemeinden zahlreiche Schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, welche Schüler mit Lernproblemen zwei oder drei Stunden pro Woche im Einzelunterricht unterstützten. Dazu mussten die Schüler, für alle sichtbar, das Schulzimmer verlassen. Sie wurden ausgegrenzt. Allmählich wurde erkannt, dass das Verlassen des Schulzimmers zu Therapiezwecken für die Schüler besonders diskriminierend ist. Viele dieser Kinder wurden gemobbt. Deshalb befand der Regierungsrat, die Separation müsse aufhören. Alle Kinder sollen in der Klasse integriert werden. Ein ehrenwerter Gedanke. Normalbegabte sowie körperlich und leicht geistig behinderte Kinder können heute zusammen zur Schule gehen. Damit tut sich ein weites Feld auf, wo Mitgefühl, Verantwortung für andere übernehmen usw. geübt werden kann. Diese Änderung wurde auch beantragt und beschlossen, um Geld für teure Einzeltherapien zu sparen.

Die Separation wurde abgeschafft. Heute müssen laut einem neuen Volksschulgesetz alle Schülerinnen und Schüler integriert werden. Schulische Heilpädagogen unterstützen die Kinder vorwiegend nur noch im Klassenzimmer, parallel zum ordentlich verlaufenden Unterricht. Das Pensum pro Kind wurde drastisch reduziert. Früher erhielt ein einzelnes Kind in der Regel zwei Stunden Einzeltherapie pro Woche, beispielsweise Dyskalkulie- oder Legasthenieunterricht. Heute bekommt eine ganze Klasse nurmehr zwei oder drei Therapiestunden zugesprochen, ebenfalls pro Woche. Diese wenigen Stunden sind für alle Kinder und Jugendlichen gedacht, die mit Lernproblemen zu kämpfen haben. Das ist natürlich bei weitem nicht ausreichend.

Seit der EInführung der Integration ist die Unruhe in den Schulzimmern gross: Eine Lehrperson ist selten mit ihren Schülern allein. Zum einen unterrichten die Lehrkräfte von Anfang an nicht mehr alle Fächer. Sie unterrichten dieselben Fächer in verschiedenen Klassen und tauschen dazu ihre Klasse mit denjenigen von Kollegen und Kolleginnen aus. Diese Regelung, zusammen mit den Bedingungen der Integration, ergeben für die Schüler etwa in jeder dritten Schulstunde einen Bezugsperson- oder Schulzimmerwechsel. Dazu kommt: Fachlehrkräfte, Schulische Heilpädagogen, Klassenassistenten, Seniorinnen und Senioren usw. gehen in der Klasse ein und aus. Für logopädische und psychomotorische Therapien sowie für die Begabtenförderung verlassen einzelne Lernende das Schulzimmer nach wie vor ein- bis zweimal pro Woche. Vielen lernschwachen, stigmatisierten Kindern, welche einer intensiven Förderung bedürften, kann mit der heutigen Integration weiterhin nicht genügend geholfen werden. Die Stigmatisierung und die Diskriminierung von speziell geförderten Kindern, die man mit der Integration aufzuheben vermeinte, bleibt genau so sichtbar wie vorher. Erstens, weil nach wie vor einige Kinder das Schulzimmer verlassen. Zweitens, weil die Klassenkameradinnen und –kameraden auch bei der integrierten Förderung leicht sehen können, wann welches ein Kind Einzelförderung erhält.

Es zeigt sich, dass  weder die Qualität des Unterrichts noch der Lernerfolg mit der Massnahme der Integration, so wie sie heute umgesetzt wird, verbessert werden können.

Es werden heute mehr Kinder in Heime eingewiesen als vor der Einführung der Integration, weil ein grosser Druck auf die Lehrpersonen entsteht, alle Kinder in der Klasse zu behalten. Das überfordert viele. Es ist leicht nachvollziehbar und sogar verstehbar, dass derart überforderte Lehrer einige schwierige Kinder im Interesse aller „loshaben“ wollen. Zur Empörung Anlass gibt der Umstand, dass plötzlich viel mehr Kinder als „geistig behindert“ gelten als vor der Einführung der Integration (s. oben). Nicht nur Lehrpersonen können eine Heimeinweisung forcieren. Oft sind es auch betroffene Eltern, die eine bessere Lösung für ihre Kinder wollen und es, mangels effizienter Alternativen, in Kauf nehmen, ihre Kinder unter der Woche zu internieren. Das ist höchst bedenkenswert und gerade das Umgekehrte, das man mit der Idee der Integration aller erreichen wollte.

Der Nutzen für die Zöglinge ist nach wie vor gering, denn im Heim treffen meist mehrere schulmüde, frustrierte Jugendliche aufeinander, die sich mit ihrer Resignation gegenseitig anstecken. Sie regen einander etwa an, wie man mit Leistungsverweigerung, schulischem Scheitern oder Missetaten Aufsehen erregen kann und erhalten damit wenigstens negative Aufmerksamkeit.

Paul prahlt damit, einen Traktor gestohlen zu haben und ihn rückwärts in einen Weiher gelenkt zu haben.

Bryn hat ein Auto gestohlen und vergessen nachzuschauen, ob noch genug Benzin im Tank ist. Auf der Autobahn bleibt er unverhofft stehen und wurde von der Polizei ins Heim zurückgebracht.

Eine Gruppe von Jugendlichen hat auf einem Ausflug eine Begleiterin bestohlen. Mit dem Geld kaufen sie eine Flasche Wodka. Völlig betrunken müssen die Jugendlichen im Dorf wieder eingesammelt werden. Weggesperrte versuchen, sich gegenseitig mit negativem Verhalten, wie mit kleinen Delikten oder mit der Anzahl der gelungenen Heimausbrüche, zu beeindrucken. Viele geraten in einen schwierig zu durchbechenden Teufelskreis. Der erzieherische Nutzen ist meist gering.

Heimaufenthalte kosten sehr viel Geld. So kommt es, dass die vom Regierungsrat verordnete integrative Schulung den Staat noch mehr kostet als die Separation. Und: Die aktuelle Praxis der Integration kann nichts an der Problematik der Volksschulen ändern, denn es sind noch immer gleich viele Schülerinnen und Schüler, welche die Grundanforderungen in den kulturtechnisch relevanten Selektionsfächern Deutsch und Mathematik nicht erreichen.

Fazit: Von der Separation sind wir zu Recht abgerückt. Nun müssen wir alles daran setzen, um die aktuell schlechten Voraussetzungen der Integration zu verbessern, damit diese gelingen kann.

Nächster Beitrag: Das Engagement der Lehrpersonen ist riesig. Gründe, weshalb auch ihre Probleme nicht abnehmen.

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1 Antwort

  1. Y. Kind sagt:

    Weshalb haben bei Ihnen AutorInnen keine Namen? Ich lese ungern anonyme Artikel
    Y. Kind
    PS Besonders störend wenn als Kommentierede die E-Mailadresse hinterlegt werden muss

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