Ein oder zwei Zeugnisse pro Jahr oder gar kein Zeugnis ?

„Schulleiter wollen zwei Zeugnisse pro Jahr“ von Mirjam Bättig-Schnorf, Zürichsee-Zeitung 14.5.2012

PRIMARSCHULE. Ab dem nächsten Schuljahr erhalten
Zweit- bis Fünftklässler jährlich nur noch ein Zeugnis.
Viele Schulleiter aus dem Bezirk sind skeptisch: Einige
befürchten mehr Aufwand mit Elterngesprächen.

Höhepunkt für die einen, Tiefpunkt
für die anderen: Die halbjährliche
Zeugnisabgabe wird
von Schülern und Eltern jeweils
mit Spannung erwartet. Ab dem
nächsten Schuljahr wiederholt
sich dieses Ritual für die Zweit-bis
Fünf tklässler nur noch einmal
im Jahr: Das Januar-Zeugnis gibt
es nicht mehr.
Auf Wunsch von Eltern oder
der Klassenlehrperson kann
stattdessen ein zusätzliches Beurteilungsgespräch
stattfinden.
Der Bildungsrat will mit dieser
Massnahme die Klassenlehrer
entlasten.

«Ich befürworte das gar nicht»,
sagt Birgit Höntzsch, Schulleiterin
der Schule Zumikon. Es brauche
zweimal jährlich Transparenz
und eine Rückmeldung in Form
eines Zeugnisses. «Sowohl für die
Schüler als auch für die Eltern.»
Höntzsch befürchtet, dass die
Streichung des Januar-Zeugnisses
den Aufwand für die Klassenlehrer
nicht verkleinern, sondern
vergrössern wird: «Die Eltern
werden stattdessen ein Gespräch
verlangen.» Ein solches nehme
viel Zeit in Anspruch, sagt sie. Ein
Zeugnis zu schreiben, sei dagegen
vergleichsweise einfach. «Die Noten
müssen so oder so nachgeführt
werden.»
Diese Meinung teilt Patrick
Rüedi, Schulleiter Kirchbühl Süd
in Stäfa. «Mit den modernen
Computerprogrammen ist das
Verfassen eines Zeugnisses keine
grosse Sache.» Auch er hat Bedenken,
dass Klassenlehrer aufgrund
des Beschlusses künftig
mehr Gespräche führen müssen.
«Ich finde den Entscheid gar
nicht sinnvoll.»
In der Unterstufe könnte man
laut Rüedi zwar noch eher auf das
zweite Zeugnis verzichten.
Schwierigkeiten ortet der Schulleiter
aber besonders Ende der 5.
Primarklasse: Dann entscheiden
die Noten in Deutsch und Mathematik,
ob ein Kind ab dem Herbst
den Vorbereitungskurs für die
Gymi-Prüfung besuchen kann.
Zwei Fünfer sind mindestens erforderlich.
«Es ist möglich, dass es
für einige ein böses Erwachen
gibt», sagt Rüedi. Um dem vorzubeugen,
will man den Eltern aller
Mittelstufenschüler anstelle des
gestrichenen Zeugnisses eine verbindliche
Rückmeldung geben:
«Eltern müssen wissen, wo ihr
Kind steht.»
An der Schule Erlenbach überlegt
man sich ebenfalls, welche
Art von Feedback die Lehrer anstelle
des Januar-Zeugnisses geben
sollen. «Die Eltern an der
Goldküste sind sehr schulinteressiert,
sie erwarten eine Rückmeldung
», sagt Thomas Isler, Leiter
der Schule Erlenbach. Er ist skeptisch,
ob der Verzicht auf das
zweite Zeugnis die erhoffte Entlastung
für die Lehrer bringt.
Zahlreiche Kreuzchen
Trotzdem begrüsst Isler den Entscheid
grundsätzlich. Das Verfassen
des Zeugnisses sei aufwändig,
weil die Sprachfächer in vier
zu beurteilende Unterkategorien
aufgegliedert seien: Bei «Hörverstehen
», «Leseverstehen», «Sprechen
» und «Schreiben» muss an
der zutreffenden Stelle ein Kreuzchen
gesetzt werden. «Bei 24
Schülern in einer Klasse ergibt
das eine stattliche Anzahl», sagt
Isler. Er wünscht sich, dass das
Zeugnis an sich neu überdacht
wird.
Auch Ruedi Kunz, Schulleiter
der Primarschule Oetwil, fragt
sich, ob der Verzicht auf das zweite
Zeugnis gut ist. «Ich hätte es
lieber beibehalten wie bisher»,
sagt er. Das Lehrerteam begrüsse
die Änderung jedoch. Und sei
nun gefordert, Eigenverantwortung
zu übernehmen: «Die Leistungen
der Schüler müssen auch
unter dem Jahr an die Eltern gemeldet
werden.»
Kunz rechnet nicht damit, dass
nun alle Eltern ein zusätzliches
Gespräch mit der Klassenlehrperson
verlangen: «Die Verhältnisse
sind bei uns anders als an
der Goldküste, wo der Leistungsanspruch
der Eltern an die Kinder
besonders hoch ist.»

Der Verein Lehrerlobby ist der Meinung, die Schulleiterinnen und Schulleiter sollten die Kompetenz erhalten über die Anzahl Zeugnisse pro Schuljahr zu entscheiden. Rückmeldungen über den Stand der Leistungen sind wichtig für alle Schüler und für die ELtern. Ob der Stand der Leistungen in Form von Noten- oder Wortzeugnissen oder in Gesprächen vermittelt wird, sollte nicht verbindlich geregelt sein.

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