Grundstufe für alle oder für wenige?

Stadt und Region

Abstimmung am 25. November

Eine Grundstufe für wenige statt für alle?

Stadt und Region Dossier: Kantonale Abstimmung vom 25. November 2012 Freitag, 19. Oktober

1 Kommentar

In den meisten Schulen treten die Kinder mit höchst unterschiedlichem Rüstzeug an. (Bild: KEYSTONE/Georgios Kefalas)

 

 

Die Zürcher Stimmberechtigten können am letzten Novembersonntag darüber abstimmen, ob die Grundstufe im ganzen Kanton oder nur in den Gemeinden, die sich dafür entscheiden, eingeführt werden soll. Und natürlich können sie beides ablehnen.
Walter Bernet

Darüber herrscht Einigkeit: Der Start in die Schulkarriere ist von entscheidender Bedeutung für deren einigermassen glücklichen späteren Verlauf. Ebenso unbestritten ist, dass die Kinder im Kanton Zürich wie anderswo ihren ersten Schultag mit weit streuenden Entwicklungsvoraussetzungen und mit höchst unterschiedlichem Rüstzeug antreten – trotz allen Bemühungen um frühe Förderung. Während die einen schon locker mit Zahlen und Buchstaben jonglieren, wissen andere kaum mit Papier, Stift oder Schere umzugehen, und dritte hatten nie vorher Gelegenheit, sich in einer Gruppe zu bewegen und zu behaupten.

Gut, aber nicht billig

Wie kann die Schule dieser Tatsache angemessen begegnen? Die Antwort, die vor über einem Jahrzehnt dafür gefunden wurde, heisst Grund- oder Basisstufe. Sie überzeugt bis heute, weil sie den oft als Bruch erlebten Übergang vom Kindergarten in die Primarschule fliessend gestaltet. Der richtige Zeitpunkt für den Übergang vom spielerischen zum systematischen Lernen ist nicht eine Frage des Alters, sondern der individuellen Entwicklung. In der Grundstufe, welche die beiden Kindergartenjahre und die erste Primarklasse zusammenfasst und deren Klassen in der Hälfte der Zeit von zwei Lehrpersonen geführt werden, ist der Rahmen dafür konstant. Sie kann bei Bedarf auch schneller oder langsamer – in zwei oder vier statt in drei Jahren – absolviert werden. Der Übertritt in die erste Primarklasse nach zwei Jahren Kindergarten ist hingegen fix; für jedes fünfte Kind muss aber eine Speziallösung gefunden werden.

Trotzdem ist die Grundstufe umstritten geblieben. Daran haben auch die mehrjährigen Versuche in den meisten Kantonen der Deutschschweiz nichts geändert – im Gegenteil. Der 2010 veröffentlichte gemeinsame Schlussbericht kam zum Ergebnis, dass die Leistungsziele im Grundstufen- und im Kindergartenmodell ähnlich gut erreicht werden – wenn auch zu unterschiedlichen Kosten. Dieses am Lernstand der Drittklässler gemessene Urteil wurde schnell genutzt, um der Grundstufe ein rasches Ende vorauszusagen, obwohl ihre Vorzüge nicht primär an den Leistungen, sondern an der Qualität des Einschulungsprozesses zu messen wären.

Kompromiss setzt sich durch

Die Initianten der 2010 eingereichten Prima-Initiative gaben trotzdem nicht auf und fanden im Kantonsrat genügend Unterstützung, um ein vorzeitiges Aus der Grundstufe im Kanton Zürich zu verhindern. Zwar lehnte der Regierungsrat die Initiative, welche die flächendeckende Einführung der Grundstufe in Form einer allgemeinen Anregung verlangte, aus Kostengründen ab. Trotzdem verlängerte er die Schulversuche mit der Grundstufe in fast 90 Klassen in 27 Gemeinden bis 2014, damit eine nahtlose Weiterführung bei einem Ja des Souveräns möglich wäre. Zudem erarbeitete er, beauftragt vom Kantonsrat, eine konkrete Umsetzungsvorlage, das Gesetz über die Einführung der Grundstufe, und einen Gegenvorschlag dazu. Im Kantonsrat erhielt die Umsetzungsvorlage zwar eine Mehrheit. Den Vorzug gibt das Parlament aber dem Gegenvorschlag, dem Gesetz über die freiwillige Einführung der Grundstufe. Statt generell die Grundstufe zu verordnen, überlässt es dieser Gegenvorschlag den Gemeinden, zwischen Kindergarten- und Grundstufenmodell zu wählen. Analog zur Sekundarstufe liegt der Entscheid über das Modell bei den Schulpflegen. In Ausnahmefällen ist es möglich, in einer Gemeinde beides anzubieten. Zu den Vorzügen dieser ursprünglich von der FDP ins Spiel gebrachten Kompromisslösung gehört, dass die Gemeinden das Entwicklungstempo ihrer Schulen autonom nach ihren Bedürfnissen, ihren Infrastrukturen und ihren Finanzplänen ausrichten können. Vor allem ermöglicht sie den Zürcher Versuchsgemeinden, die alle von den Vorzügen der Grundstufe überzeugt sind, diese definitiv zu etablieren.

Drei Optionen

Die Zürcher Stimmberechtigten haben am 25. November also drei Optionen. Sie können Nein zu beiden Gesetzesvorlagen sagen und damit der Grundstufe den Todesstoss versetzen. Diese Haltung vertreten SVP, EDU und eine EVP-Mehrheit: Die Grundstufe bringe nicht mehr, sie sei nur teurer, und zudem werde mit ihr das im Kindergarten geltende Mundartgebot ausgehebelt. Sie können zweitens der Einführung der Grundstufe für alle zustimmen, die von SP, GP, BDP, AL und einer GLP-Mehrheit bevorzugt wird. Die Mehrkosten für die zusätzlichen Lehrerstellen von rund 62 Millionen Franken hätten zu 80 Prozent die Gemeinden und zu 20 Prozent der Kanton zu tragen. Und schliesslich steht es den Stimmbürgern offen, ausschliesslich oder zusätzlich dem von einer Kantonsratsmehrheit getragenen, am ehesten mehrheitsfähigen und vom Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband mitgetragenen Kompromiss zuzustimmen, der den Gemeinden die Wahl lässt, ob sie die Grundstufe einführen wollen oder nicht.

Der Gegenvorschlag zur flächendeckenden, obligatorischen Einführung der Grundstufe findet offenbar im Kantonsrat eine Mehrheit. Wie die Lehrerlobby ist er der Meinung, jede Schulgemeinde sollte befugt sein, darüber zu entscheiden, ob sie die Grundstufe einführen, beziehungsweise beibehalten wollen oder nicht. Deshalb sagen wir im Kanton Zürich „JA zum Gegenvorschlag!“ am 25. November.

Das könnte Dich auch interessieren …

%d Bloggern gefällt das: